Forscher fordern: Weg mit Rasenflächen, her mit Blühwiesen

Der Insektenschwund in Deutschland ist dramatisch, darauf haben noch einmal Forscher bei einem internationalem Insektenschutzsymposium am Naturkundemuseum Stuttgart hingewiesen. Sie fordern einen Maßnahmenplan zur Bekämpfung des Insektensterbens. Einer der zentralen Punkte: Der öffentliche Raum muss umgestaltet werden. Statt Rasenflächen sollten beispielsweise mehr extensive Blühwiesen entstehen, um Insekten mehr Nahrung zu geben und die Artenvielfalt in besiedelten Gebieten zu erhöhen.

Gut für Insekten: Naturnahe Blumenwiesen als Alternative zu ödem Rasen.

Gut für Insekten: Naturnahe Blumenwiesen als Alternative zu ödem Rasen.

Viele Insektengruppen sind massiv bedroht

Mit weltweit circa 1 Million bekannten Arten gehören die Insekten zu den erfolgreichsten Organismengruppen auf unserem Planeten. Trotz dieses evolutionären Erfolgs sind in Mitteleuropa mittlerweile viele Insektengruppen massiv bedroht und so stark im Rückgang begriffen, dass man von einem weitreichenden Insektensterben sprechen kann. Im Naturkundemuseum Stuttgart trafen sich deshalb renommierte Wissenschaftler aus ganz Europa mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Naturschutz, um mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.


9-Punkte-Plan gegen das Insektensterben

Diese Lösungsansätze haben die Forscher am Ende des Symposiums in einem gemeinsamen 9-Punkte-Plan präsentiert. „Der dramatische Rückgang der Insekten zeichnet sich bereits seit Jahrzehnten ab und wird unabsehbare ökonomische und ökologische Folgen haben, wenn wir alle nicht endlich handeln“, warnt Dr. Lars Krogmann vom Naturkundemuseum Stuttgart und künftiger Leiter des Fachgebiets Systematische Entomologie an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Mehr Blüten bitte! Städte sollten mehr für den Artenschutz tun.

Mehr Blüten bitte! Städte sollten mehr für den Artenschutz tun.

Die neun Forderungen der Wissenschaftler zum Schutz der Insekten im einzelnen:

1. Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft u. a. durch veränderte Zulassungsverfahren, einem Verbot von vorbeugendem Pflanzenschutz und einem Verbot von Neonikotinoiden und Totalherbiziden

2. Extensivierung der Landwirtschaft u. a. durch Kopplung der EU-Agrarsubventionen an ökologische Leistungen, durch Förderung von Brachflächen und Ökolandbau. Nährstoffüberschüsse müssen begrenzt, strukturreiche Flächen und die Vernetzung der Biotope gefördert werden.

3. Erhöhung der Artenvielfalt des Grünlands. Ein Rückgang der Grünlandflächen ist zu stoppen. Die Bewirtschaftung muss insektenfreundlicher werden, der Einsatz von Mulchgeräten und Mähaufbereitern begrenzt.

4. Pflege von Naturschutzgebieten u. a. muss das Pflegemanagement Insekten besser berücksichtigen. Die unter Naturschutz stehende Fläche ist zu erhöhen, der Einsatz von Pestiziden darin untersagt werden. Die Naturschutzbehörden brauchen einen höheren Etat.

5. Mehr Natur im öffentlichen Raum. Öffentliche Grünflächen sollen insektenfreundlicher gestaltet werden: Mehr heimische Blühpflanzen statt mehr Grün in der Stadt. Rasenflächen müssen zu extensiven Mähwiesen umgestaltet werden.

6. Weniger Lichtverschmutzung. Straßenleuchten sind auf LED umzurüsten, die Farbtemperatur sollte maximal 3000 Kelvin betragen, die für Insekten weniger attraktiv ist als die üblichen 4000 Kelvin.

7. Forschungs‐ und Bildungsoffensive. Die Artenkenntnisse der Bevölkerung in Deutschland sind gering. Daher ist eine Taxonomie-Offensive für Experten und Amateur-Entomologen nötig. Das Insekten-Monitoring muss ausgebaut, naturkundliche Sammlungen besser unterstützt werden.

8. Förderung von Wildbestäubern. Wildbienen sollen einen höheren Schutzstatus erhalten und in die FFH-Richtlinie aufgenommen werden. Um Krankheitsübertragungen zu vermeiden, ist bei Honigbienen streng auf die Hygiene zu achten, eine Nahrungskonkurrenz zu den Wildbienen ist zu vermeiden, etwa durch die Festlegung einer Höchstzahl.

9. Öffentlichkeitsarbeit. Das Bewusstsein der Bevölkerung für das Problem ist zu schärfen, etwa damit auch Privatgärten insektenfreundlicher gestaltet werden. Fortbildungen für Lehrer und Erzieher können bereits bei den Jüngsten ansetzen.

Grundschule Sternschanze: naturnahes Beet auf dem Schulhof

Grundschule Sternschanze: naturnahes Beet auf dem Schulhof

Was wir auch bei Phlora.de schon lange sagen:

Die Bilder und Gestaltungsformen von sowohl Privatgärten als auch öffentlichem Grün stecken noch irgendwo in den 60er Jahren fest, sind längst überholt und mittlerweil sogar gefährlich für die Biodiversität, also die lebensnotwendige Artenvielt bei Pflanzen und Tieren. Es ist höchste Zeit, hier umzudenken und neue, naturnahe Gestaltungen zu realisieren, die stärker an der Ökologie orientiert sind.

Leider sind viele Städte und Gemeinden, aber auch viele Dienstleister der grünen Branche überhaupt nicht auf dieses Thema vorbereitet. Dabei gibt es unzählige Ansatzpunkte. So hat Phlora.de-Gründerin Monika Brunstering 2017 die naturnahe Gestaltung eines Hamburger Schulhofes umgesetzt. Ein absolutes, mittlerweile sogar preisgekröntes Pilotprojekt in unserer Stadt, das sehr erfolgreich war und nicht nur neue Lebensräume für Insekten, sondern auch tolle Erlebnisräume für die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Sternschanze  geschaffen hat. Aber wir brauchen nicht nur einen naturnahen Schulhof, wir brauchen ganz viele, übrigens auch um die Folgen des Klimawandels in den Städten abzumildern.

 

 

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